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IV. Evolution
und Leben: Zufall und Wahrscheinlichkeit
2. Chemische Evolution
- Entstehung des Lebens
2.1. Die Rolle der Selektion in der chemischen Evolution
Der fehlerhaften Argumentation mit der Wahrscheinlichkeit
begegnet man aber nicht nur in der kreationistischen Diskussion bioevolutiver
Prozesse, sondern auch im Falle der Bewertung chemisch-historischer
Abläufe.
Wie lange, so die vielmals gestellte Frage, müsse
ein Sturm über einen Schrottplatz fegen, um durch Zufall einen
kompletten Airbus oder einen Personenkraftwagen zusammengewürfelt zu
bekommen? Oder wie lange bräuchte eine Horde Schimpansen, die ziellos
auf Schreibmaschinen herumhämmert, um zufällig ein Werk Shakespeares
zu reproduzieren? Diese Analogie, die durch den britischen Zoologen THORPE
einschlägig bekannt geworden ist, soll die Wahrscheinlichkeiten
verdeutlichen, die sich hinter der zufälligen Entstehung just derjenigen
Moleküle verbirgt, die als "Bausteine des Lebens", nämlich
Aminosäuren, Zucker, Lipide, Nucleotidbasen etc., infrage kommen.
Geht man von der Existenz 93 irdischer chemischer Elemente
aus, so hat kürzlich ein engagierter Kreationist vorgerechnet, so
betrüge die Wahrscheinlichkeit, daß sich rein statistisch eine
der essentiellen Aminosäuren in der Ursuppe gebildet habe, maximal
10-40000! So wenig man sich unter einer derart kleinen Zahl auch
vorzustellen vermag, in die Alltagssprache übersetzt bedeutet dies:
Die chemische Zufalls-Synthese irgendeiner Substanz, ganz gleich welcher,
ist ausgeschlossen! Derartige Berechnungen, im Rahmen derer chemo- und
biohistorische Prozesse auf formalarithmetische Berechnungen reduziert werden,
verkörpern einen grundlegenden Irrtum des
Antievolutionismus.
Daß sich nämlich auch hinter chemischen
Prozessen mehr verbirgt als angewandte Statistik, hat bereits im Jahre 1953
Stanley MILLER in seinem vielbeachteten Experiment zur Simulation
chemischer Prozesse in der Uratmosphäre aufgezeigt. In einem Kölbchen
brachte er Wasser zum Sieden und leitete den Dampf über ein Gasgemisch,
das den Urdünsten der Erde nachempfunden war. Diese Gase wurden
beständig dem Einfluß elektrischer Entladungen unterzogen, welche
wiederum die gewaltigen Gewitter und die ultraviolette Strahlung, die nach
unserem heutigen Wissen in der erdgeschichtlichen Urzeit geherrscht haben
müssen, simulieren sollten.
Welche Gase man auch immer in der Apparatur
einschloß, es entstanden jedesmal bereits nach der lächerlich
kurzen Zeit von einigen Tagen bis Wochen fast alle biologisch relevanten
Kleinmoleküle, die entweder Bestandteile des Lebens selbst oder aber
zur Synthese praktisch aller uns geläufigen proteinogenen Aminosäuren,
Lipide, etc. geeignet sind. Hauptsache war, daß ein Gemisch aus
neutralen oder leicht reduzierenden Verbindungen aus Kohlenstoff,
Stickstoff, Sauerstoff und Wasserstoff vorlag. In den Experimenten der "zweiten
Generation" wurden alle Nucleotidbasen, Zucker und selbst so
kompliziert gebaute Komplexe wie Porphyrine und Isoprene (die etwa
als chemische Vorstufen des Blattfarbstoffs Chlorophyll gelten) unter gleichsam
unspezifischen Bedingungen erzeugt.
Chemische Prozesse laufen also nicht zufallsgesteuert ab, sondern werden
- wie oben betont - durch die Gesetze der Thermodynamik und Reaktionskinetik
kontrolliert. Natürlich kodeterminieren statistische Faktoren den Chemismus
präbiotischer Umsetzungen, so werden kurzkettige Aminosäuren
dominieren, längerkettige und kompliziertere Moleküle entstehen
in geringeren Ausbeuten. Aber die Bildung selbst großer Komplexe
(wie beispielsweise Porphyrine) belegt, wie enorm
reaktionskinetische und thermodynamische ("selektive")
Gesichtspunkte in den präbiotischen Chemismus eingreifen!
Prof. EIGEN vom biophysikalischen Institut in
Göttingen hat bereits im Jahre 1971 mathematisch gezeigt, daß
Fließgleichgewichte fernab des thermodynamischen Gleichgewichts in
Selektionsprozesse hineintreiben können, denen ein natürlicher
Entwicklungsprozeß und damit Evolution als Ereignis folgt.
Der selektive Aspekt wird in der Evolution
allzu oft "vergessen", häufig ist dann
irrigerweise von "Zufallsevolution" die Rede (vgl. LÖNNIG,
1989). Selektion ermöglicht aber gerade die Entstehung
von Ordnung in Systemen fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht, das
heißt in solchen, in denen ein ständiger Energiefluß herrscht.
Ferner muß das System aus Elementen (Individuen) bestehen, die einen
energetischen Differenzbetrag zum Aufbau einer makroskopischen Struktur nutzen.
Die Disziplin, die sich mit der Entstehung von Selbstorganisation befaßt,
wird "Synergetik" genannt (HAKEN, 2000; HAKEN-KRELL, 1987).
In Systemen, die den obigen Bedingungen genügen, entstehen Strukturen
(Ordner), welche die mikroskopischen Strukturelemente (Individuen) "versklaven",
ihnen also ein "geordnetes Verhalten" aufzwingen. Selbstorganisation findet
erst nach dem Überschreiten von Schwellenwerten statt. Das bedeutet,
die Zustände erweisen sich in selbstorganisierenden Systemen als erstaunlich
stabil gegen Störungen von außen, sofern sie sich weitab von
kritischen Bereichen befinden. Erreicht das System jedoch einen kritischen
Schwellenwert (einen labilen Zustand), kann dies schlagartig einen dramatischen
Wandel der makroskopischen Strukturen zur Folge haben, bis das System erneut
einen unkritischen Bereich (einen neuen geordneten Zustand) eingenommen hat.
LORENZEN hat nun unter Berücksichtigung chaostheoretischer Erkenntnisse
ein synergetisches Modell der Evolution entwickelt, welches das
Entwicklungsgeschehen als Prozeß der Selbstorganisation beschreibt.
Das Versklavungsprinzip wird als Selektion erkannt,
die Umwelt fungiert als Ordner (vgl. LORENZEN, 1988).
Schließlich erfüllen die Organismen in der Evolution alle Bedingungen,
die an ein sich selbstorganisierendes System gestellt werden müssen.
Die Veränderungen von systemspezifischen Faktoren, die über kritische
Bereiche hinaus erfolgen, können unter dem Einfluß von Selektion
dramatische Wandel hervorbringen, das heißt in konvergente
Selektionsprozesse umschlagen; ein Szenario, das nicht nur in der biologischen
sondern auch in der chemischen Evolution gilt.
Man denke sich als Beispiel ein selbstreplikatives
Oligonucleotidmolekül (also ein sich selbst reproduzierender,
möglicher Vorläufer der DNA). Wir haben ein autokatalytisches
Molekül vorliegen, das gemäß EIGEN und LORENZEN in einen
Selektionsprozeß hineintreibt. Die in Bezug auf
Reproduktionsgeschwindigkeit, Kopiergenauigkeit und Stabilität effektivsten
Varianten setzen sich gegenüber den anderen durch. Viele
dieser Oligonucleotide bestehen nun aus Riboseeinheiten, die sich in ihrer
Molekülform wie "Bild und Spiegelbild" verhalten. Jede
Molekülform wird als "Enantiomer" bezeichnet, in der klassisch
chemischen Synthese entstehen nun Gemische aus beiden Enantiomeren (sogenannte
"razemische Gemische"). Nun kann es gelegentlich aber vorkommen, daß
durch Zufall ein Oligonucleotid entsteht, das ausschließlich aus
enantiomerenreinen Riboseeinheiten einer Sorte besteht (unter einer Million
Sequenzen aus je 20 Nucleotidbasen ist statistisch mindestens einmal mit
einem solchen zu rechnen). Durch die Ausrichtung aller Nucleotide nach einer
Seite wird schlagartig die Bildung stabiler Doppelhelices möglich, die
an Kopiergenauigkeit und Stabilität alle anderen übertreffen.
Der divergente Prozeß der Entstehung schlägt in einen
konvergenten Selektionsprozeß um, der dazu führt, daß
alle anderen Varianten aus dem Feld geschlagen werden und sich ein "dramatischer
Wandel" in der makroskopischen Struktur vollzieht. Diese enantiomerenreinen
Oligonucleotide sind nun der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung.
Durch Längenwachstum werden alle Nachkommen von da an infolge konvergenter
Selektion nur noch aus stereochemisch einheitlichen Ribosemolekülen
bestehen, die Doppelhelices bilden.
Während die a-priori-Wahrscheinlichkeit
für die spontane Zufallsentstehung einer optisch einheitlichen DNA aus
3 Milliarden Basenpaaren praktisch mit Null anzusetzen ist, führt die
Evolution dagegen infolge konvergenter Selektionsprozesse stufenweise ganz
zwangsläufig zu enantiomerenreinen Spezies.
Beispiel nach KUHN,
1972 aus: KÄMPFE, 1991
Ordnung in evolvierfähigen Systemen fernab des thermodynamischen
Gleichgewichts ist mit anderen Worten nicht Ausdruck einer geringen
Bildungschance sondern die Folge von (konvergenter) Selektion, die in die
Zufallsverteilung eingreift.
2.1.1. Das Chiralitätsproblem
Im Lichte dieser Überlegung können wir auch das "Problem
der Chiralität" lösen, das im Antievolutionismus häufig
gegen die abiotische Entstehung des Lebens eingewandt wird: Wenn organische
Verbindungen an einem oder mehreren Kohlenstoff-Atomen 4 verschiedene
Substituenten tragen, lassen sich zwei Molekülformen unterscheiden,
die sich wie Bild und Spiegelbild (also "chiral") verhalten
(sogenannte "Enantiomere"). In der FISCHER-Projektion lassen
sich D- und L-Formen unterscheiden, die polarisiertes Licht in entgegengesetzter
Richtung drehen.
"In Lebewesen finden wir davon häufig nur eine
der beiden Formen (...) Bei der chemischen Synthese solcher (enantiomerer)
Verbindungen entstehen die beide Formen im Verhältnis 1:1 (man bezeichnet
diese Mischung als Razemat). Dies gilt auch für präbiotische
Bedingungen (...) Die Entstehung enantiomerenreiner Verbindungen ist ein
Hauptproblem in der präbiotischen Chemie und bislang sowohl theoretisch
als auch experimentell ungelöst."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 144 f.)
Es ist nun richtig, daß in chemischen Simulationsexperimenten immer
nur razemische Gemische entstehen. Dort lassen sich jedoch kaum
Selektionsmechanismen nachbilden, wie sie in den sehr heterogenen Nischen
der Ozeane eine Rolle gespielt haben müssen. Wie wir am Beispiel der
Entstehung einer Doppelhelix gezeigt haben, läßt sich
das "Chiralitätsproblem" nur unter dem
Einfluß von Selektion erklären. Die Vorteile chiraler Proteine
liegen in der Alpha-Helix-Bildung, die durch Ausfällung vor Hydrolyse
schützt. Unter 1 Million Polypeptidketten mit einer Länge von 20
Gliedern ist statistisch mindestens einmal mit einer enantiomerenreinen Variante
zu rechnen.
Wie wir wissen, kann an reinen Calciten eine Enantiomeren-Spezies angereichert,
Razemate mit hoher Selektivität aufgetrennt werden. Dabei kristallisiert
bevorzugt immer nur ein bestimmtes optisches Isomer - entweder die links-
oder aber die rechtsdrehende Aminosäure aus (vgl. Spektrum der
Wissenschaften, 06/2001). Desweiteren lassen sich aus
übersättigten Lösungen unter dem Einfluß asymmetrischer
Kristallisationskeime entweder D- oder L-Formen auskristallisieren, wobei
die bereits auskristallisierte Form als Kristallisationskeim dienen kann
(HARADA, 1970). Die Entstehung übersättigter
Lösungen scheint in räumlich getrennten Gewässern durch
Austrocknung oder über erhitzten Gesteinen geologisch durchaus möglich
(DOSE und RAUCHFUSS, 1975, S. 115). Schließlich wird
durch polarisierte ß-Strahlung aus dem natürlichen
90Sr-Zerfall das D-Tyrosin stärker zerstört als L-Tyrosin
(FOLLMANN, 1981, S. 73). Ähnliche Effekte lassen sich
bei Aminosäuren mit zirkular polarisiertem Licht erreichen. Die Behauptung,
daß es keine Methoden für die Selektion von enantiomerenreinen
Substanzen gäbe, entspricht also schlichtweg nicht dem aktuellen Stand
der Forschung.
Sobald Wissenschaftler jedoch Simutationsexperimente und Selektion bemühen,
um ihren Theorien Gewicht zu verleihen, wird von Antievolutionisten eine
empiristische Haltung eingenommen und auf den "Unsicherheitsfaktor" in der
Paläobiologie verwiesen:
"Alle Angaben darüber beruhen auf Modellen
und Modellrechnungen. Abhängig von der Perspektive werden auch
gegenwärtig sehr widersprüchliche Modelle zur Uratmosphäre
oder allgemein hinsichtlich günstiger Rahmenbedingungen für die
präbiotische Chemie diskutiert."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 137
f.)
Daß die exakten Rahmenbedingungen und
paläobiologischen Abläufe nur schwer rekonstruiert werden
können, erscheint trivial. Im Antievolutionismus wird insgesamt jedoch
verkannt, daß Wissenschaft ja gerade zum Ziel hat, das unbeobachtbare
Faktum zu erforschen, das durch Theorienbildung erschlossen
wird. Keine große wissenschaftliche Theorie kann ihre
Erkenntnisgegenstände direkt feststellen oder gar "beweisen"; Wissenschaft
operiert mit anderen Worten nicht empiristisch, sondern "hypothetico-deduktiv"
schlußfolgernd. Bestimmte rationale Vorannahmen
sind immer notwendig, um überhaupt sinnvolle Überlegungen über
die Welt anstellen zu können, das heißt, Erlärungen zu finden.
Entsprechend lassen sich zwar keine Entwicklungswege rekonstruieren, wohl
aber die physico-chemischen Notwendigkeiten in der Evolution. Wenn sich in
plausiblen Simulationsexperimenten dann Beobachtungen gewinnen lassen, welche
die theoretischen Erwartungen stüzten, gilt die Theorie als belegt.
Wer aber nicht bestimmte Annahmen und rationale Voraussetzungen gelten lassen
will, die nicht aus der Erfahrung stammen, wer nicht zugesteht,
daß man sich dieses oder jenes unbeweisbare Detail hinzudenken muß,
damit die Erscheinungen ihren Sinn bekommen, der verunmöglicht zugleich
die sinnvolle Reflexion über die Welt und leugnet damit die
Existenzberechigung aller Naturwissenschaften. Die Schöpfungsidee bietet
hier keine Alternative, weil sie nicht geprüft werden kann und
nichts erklärt.
Darüber hinaus wissen wir auch, daß das
Faktorenproblem eine additive Fragestellung darstellt, das bedeutet, daß
sich unterschiedliche Faktoren nicht ausschließen müssen. So steht
beispielsweise WÄCHTERSHÄUSERs Biofilmtheorie nicht in
grundsätzlicher Konkurrenz zur Ursuppentheorie UREYs und MILLERs, obwohl
sie einen etwas anderen Ansatz verfolgt. Es spricht aber kein Einwand gegen
die Möglichkeit, daß die in beiden Modellen beschriebenen
Prozesse synchron abgelaufen sein könnten. Wir müssen also
darauf hinweisen, daß es sich nicht - wie im Falle der Grundfrage der
Deszendenz - um alternative, das heißt sich gegenseitig
ausschließende Fassungen handelt, sondern um ergänzende bzw.
additive Faktorenfragen. Theorienvielfalt ist gerade ein
Erkennungsmerkmal in der Wissenschaft, was damit zusammenhängt, daß
sie alle Erklärungen für jeweils bestimmte Beobachtungen liefern.
In dieser Frage unterliegt die Schöpfungstheorie, weil es möglich
ist, überhaupt jeden denkbaren Befund mit ihr in Zusammenhang zu bringen,
was von vorn herein das Begehen von Irrtümern und das Liefern von
Erklärungen ausschließt (vgl. Kapitel Ia.1).
Und schließlich zeigt die Tatsache, daß
unter einer Vielzahl an möglichen Ausgangsbedingungen praktisch alle
wesentlichen biotischen Kleinmoleküle experimentell entstanden sind,
daß die Entstehung biotischer Moleküle unter unspezifischen
Bedingungen sehr wohl möglich gewesen sein konnte. So bemerkte v.
DITFURTH auch recht treffend:
"In unzähligen Laboratorien der ganzen Welt
gingen die Experten daran, die so unglaublich simpel erscheinende
Versuchsanordnung des jungen Amerikaners (Miller) nachzubauen und sein Experiment
zu wiederholen (...) Nicht ein einziger der vielen Nachprüfer zog eine
Niete. Daraufhin begann man das Experiment abzuwandeln. Es wurden nach und
nach immer neue Ausgangsstoffe durchprobiert und andere Energiequellen benutzt.
Das Ergebnis war immer das gleiche: Neben vielen anderen chemischen
Zufallsverbindungen entstanden Aminosäuren, Zucker, Purine und andere
Moleküle (...) In den Glaskolben entstanden Zucker, Adenin und andere
Nucleinsäurebausteine, sogar Porphyrine, und schließlich wurde
von mehreren Wissenschaftlern sogar die abiotische Entstehung von
Adenosintriphosphat gemeldet, jedem Biochemiker unter der Abkürzung
ATP als die wichtigste Energiequelle aller auf der Erde lebenden Zellen bekannt
(...) so fanden sie schließlich sogar einzelne Polymere. Bei allen
diesen Experimenten waren selbstverständlich, ungeachtet der sonstigen
Variationen, immer nur ganz elementare Ausgangsstoffe als Reagenzien benutzt
worden, Substanzen, deren Vorkommen auf der Urerde auch von Skeptikern nicht
bestritten werden konnte."
(v. DITFURTH, 1972)
2.2. Stabilitätsprobleme
"Die aus dem Stoffwechsel von Zellen bekannten
Eiweiße bestehen aus Aminosäuren, die zu langen, unverzweigten
Ketten verknüpft sind und ihrer chemischen Struktur nach als
Polypeptide bezeichnet werden (...) Die Anwesenheit von Wasser verhindert
eine Polykondensationsreaktion, also die Kettenbildung."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 140)
Nun ist bekannt, daß biologische
Makromoleküle nicht retrograd aus der Ursuppe
entstanden sein mußten, sondern durch Oberflächendiffusion auf
zweidimensionalen Strukturen entstehen können. Die Thermodynamik
begünstigt in freier Lösung die Spaltungsreaktion, auf
Oberflächen treibt sie ein System dagegen zur Synthese.
Entscheidender Faktor ist dabei die sogenannte
Reaktionsentropie. Sie ist ein Maß für die Änderung
der Bewegungsfreiheitsgrade. Nimmt die Reaktionsentropie stark zu (was bei
Reaktionssystemen in Lösung immer der Fall ist), so wird das
Reaktionsgleichgewicht auf die Seite der Spaltungsprodukte verschoben. Nimmt
sie dagegen nicht oder nur geringfügig zu, so treiben die
Reaktionsenthalpien das System zur Synthese. In Lösungen
nimmt die Zahl der Bewegunsfreiheitsgrade pro zu spaltendes Teilchen um 3
translatorische und 3 rotatorische (also insgesamt um 6) zu, auf
Oberflächen dagegen nur um 2 rotatorische. Deshalb ist auf einer
fixierten Molekülschicht die Bildung größerer Moleküle
auch bei wenig stark aktivierenden funktionellen Gruppen bevorzugt
(vgl. WÄCHTERSHÄUSER, 1988).
Diese theoretische Überlegung konnte vielfach
empirisch - und zwar unabhängig von Ursuppentheorien - untermauert werden.
So erhielt CAIRNS aus verdünnten Aminosäurelösungen, die mit
Ton gekocht wurden, Polypeptide, die bereits aus bis zu einem Dutzend
Aminosäuren aufgebaut waren. FOX und Mitarbeiter haben gezeigt, daß
Mischungen von Aminosäuren beim Erhitzen zu proteinähnlichen Produkten
kondensieren können, die als Proteinoide bezeichnet werden. Zugabe von
Lava, Ton oder Sand fördert den Prozeß; die
Ketten können bis 100 Glieder lang sein (vgl. KÄMPFE,
1992). Wie wir oben herausgestellt haben, wachsen
Proteine nicht völlig zufällig. Die Reihenfolge der
Aminosäuren im Polykondensat (die Aminosäuresequenz) wird durch
die chemischen Eigenschaften der Aminosäuren sowie durch die
Versuchsbedingungen beeinflußt.
Da Sand, Lava, Tone, Mineralien (wie Pyrit) besonders
in der Tiefsee zuhauf vorkommen, darf man annehmen, daß unter dem
Einfluß hydrothermaler Energiequellen und katalytisch wirkender
Metallsulfidoberflächen viele Proteine, Proteinoide und Oligonucleotide
entstanden sein könnten.
2.3.
Konzentrationsprobleme
"Zur Synthese von Zucker wird auf die Formose-Reaktion
hingewiesen, die bereits 1861 von BITLEROW beschrieben wurde. Er hatte
beobachtet, daß in wässriger alkalischer Formaldehydlösung
Produkte mit süßem Geschmack entstanden. Später wurden zuerst
von E. FISCHER und seinen Mitarbeitern (1888) einzelne Zucker aus dem
Produktgemisch isoliert und identifiziert (...) Formaldehyd ist (jedoch)
sehr reaktiv und verbindet sich rasch mit Stickstoffverbindungen (...) Zweitens
wird Formaldehyd in den publizierten Simulationsexperimenten in Konzentrationen
und in einer Reinheit eingesetzt, deren Auftreten unter präbiotischen
Bedingungen bisher nicht plausibel gemacht werden konnte. Drittens liefert
die Formose-Reaktion ein heterogenes Produktgemisch, in welchem Ribose nur
in sehr niedriger Konzentration vorkommt. Viertens zeigen kinetische
Untersuchungen (...), daß in der Formose-Reaktion diejenige Gruppe
von Zuckern, denen die Ribose zugeordnet wird (...) nach kurzer Reaktionszeit
wieder zerfällt."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 142)
Natürlich fallen die Konzentrationen biogener
Moleküle in den Millerschen Experimenten recht gering aus. Wir müssen
uns vergegenwärtigen, daß es sich hierbei um unspezifische
Ausgangsbedingungen handelte, um keine gezielten Kunstsynthesen (was ja auch
gefordert werden muß). Da weiterhin das Produktspektrum
notwendigermaßen sehr groß sein muß (was
glücklicherweise auch der Fall war), sind die Konzentrationen pro
Einzelkomponente gering.
Unter Selektionsgesichtspunkten spielen kleine
Ausgangskonzentrationen jedoch keine Rolle, da in bestimmten Nischen der
Erde (etwa auf den Oberflächen von anorganischen Salzen oder
Festkörperverbindungen, wie Pyrit, Calcit, Sand oder Lava oder aber
in geschützten Bereichen wie Koazervaten) bestimmte Verbindungen
angereichert werden können. Bildet sich unter dem katalytischen
Einfluß von anorganischen Katalysatoren ein Oberflächenmetabolismus
heraus, werfen die stabileren und beständig neu
gebildeten Molekül-Spezies oder aber die "erfolgreicheren"
autokatalytischen Systeme (wie selbstreplikative Oligonucleotide oder
Hyperzyklen) die "erfolgloseren" aus dem Rennen, was im Laufe der Äonen
zu einer selektionsgesteuerten Anreicherung führt.
Außerdem zerfallen Biomoleküle in der Regel
zwar in verdünnten Lösungen rasch, nicht jedoch, sofern sie an
Oberflächen gebunden oder mit anderen Molekülen verbunden sind.
Die Notwendigkeit der Kompartimentierung in einer Zellmembran läßt
sich also unter dem Einfluß der Selektion begründen.
Nährsubstrate (biotische Kleinmoleküle) können durch
Lipidschichten, die an anorganischen Oberflächen entstehen, aufgenommen
werden und sich an der Oberfläche zu komplexen Biomolekülen umsetzen.
Die Kompartimentierung der Oberflächen (beispielsweise Metallsulfide)
hätte den Abtransport der Produkte verhindert und zugleich den schnellen
Zerfall der Biomoleküle inhibiert. Solche topologischen Umsetzungen
an lipidummantelten Metallsulfidoberflächen hätten also in jedem
Falle einen Selektionsvorteil gegenüber anderen Systemen in freier
Lösung gehabt. WÄCHTERSHÄUSER "Theorie des Biofilms"
begründet also anschaulich die Entstehung der ersten Metabolismen durch
Oberflächenreaktionen.
2.4. Matrixprobleme
Gemäß den theoretischen Erwartungen muß
die Existenz "störender" Moleküle angenommen werden. Dies führt
jedoch zu einer Vergrößerung des Produktspektrums, wodurch zwar
die Konzentrationen der einzelnen Produkte sinkt, die Zahl der möglichen,
erwünschten Verbindungen jedoch zunimmt. Da Adsorptionseffekte und selektive
Prozesse eine Aufkonzentrierung bestimmter Moleküle herbeiführen,
spielt, wie dargelegt wurde die "niedrige" Konzentration keine Rolle.
Entsprechend besitzt der folgende Einwand wenig Relevanz:
"Die Synthese der Stickstoffbasen ist durch
Oligomerisierung von Cyanwasserstoff (HCN) möglich (...) 1961 konnten
ORO und Mitarbeiter auf diesem Weg Adenin in geringer Ausbeute herstellen
(...) Die Schwierigkeiten bei der präbiotischen Synthese (...)
veranlaßten SHAPIRO (1996) zu folgendem Resümee: 'Die Befunde,
die gegenwärtig zur Verfügung stehen, bestätigen die Idee
nicht, daß RNS oder ein alternatives Replikationssystem unter
Benützung der RNS-Basen am Beginn des Lebens beteiligt war. Diese
Schlußfolgerung kann widerlegt werden, wenn ein präbiotisches
Simulationsexperiment entwickelt wird, bei dem alle Basen in hoher Ausbeute
synthetisiert werden, unter einheitlichen Bedingungen, welche eine plausible
Kombination aus Wasser, atmosphärischen Gasen und Mineralien
umfaßt."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 143)
Da nicht begründet werden kann, was man unter
"hohen Ausbeuten" zu verstehen hat und weshalb man dies fordern sollte (wie
groß sollten diese in der Vorstellung der Autoren denn sein, damit
sie die abiotische Entstehung des Lebens anerkennen würden?), beruht
die Aussage auf einem Vorurteil und ist daher ohne wissenschaftlichen
Wert.
Der Anspruch, gar ein einheitlich gestricktes
Evolutionsterrain zu Simulationszwecken einzusetzen, und die Reproduktion
der gesamten chemischen Evolutionsgeschichte durch "einheitliche
Bedingungen" simulieren zu können, belegt, daß hier die
Komplexität des Entwicklungsgeschehens nicht verstanden wurde. Wir wissen
ja, daß Evolution nur als komplizierter Systemprozeß vorstellbar
ist, der sich durch eine Vielzahl an rückgekoppelten Interaktionen ihrer
Elemente auf verschiedenen Systemebenen auszeichnet. Damit sind jedoch die
Bedingungen in jedem Falle nichtreproduzierbar und indeterministisch. Mit
anderen Worten: "Einheitliche Bedingungen" sind in der Evolution niemals
zu bekommen, weil ihre Aktoren keineswegs als bloße "Evolutionsobjekte"
eingestuft werden können. Niemand könnte in sinnvoller Weise aus
der Tatsache, daß das Vielkörperproblem in der Newtonschen Physik
nicht analytisch lösbar ist, die Klassische Mechanik als unzureichend
bezeichnen. Um wieviel mehr, so darf man fragen, trifft dies dann erst recht
auf die belebte Natur zu, die man zurecht als "noch weniger berechenbar"
und "uneinheitlich" einstuft.
Außerdem entsprechen nach heutigem Wissen die
Angaben zu den "niedrigen Ausbeuten" in diesem Falle nicht der Wahrheit.
So weißt KÄMPFE darauf hin, daß aus den Urgasprodukten
Cyanacetylen und Harnstoff aus verdünnten Lösungen
bereits nach einer Woche (!) stehenlassen Cytosin in bereits 1%iger Ausbeute
(was für Simulationsexperimente ohne Selektionsmechanismen einem recht
hohen Gehalt entspricht!) entsteht. Alle Nucleotidbasen wurden in den
Experimenten der zweiten Generation nachgewiesen; die UV-Bestrahlung
verdünnter HCN-Lösungen führt bereits zu brauchbaren
Guanin-Konzentrationen (>0,1%). Natürlich reagiert Cyanwasserstoff
auch mit anderen Komponenten, wie Ammoniak und Aldehyden. Dies führt
aber gerade zu der erwünschten Verbreiterung der Produktpalette, weil
auf diesem Wege gemäß der STRECKER-Synthese wichtige
Aminosäuren, Hydroxycarbonsäuren und dergleichen aufgebaut
werden.
2.5. Falsche Behauptungen
"FOX hat die katalytische Aktivität von
Proteinoiden untersucht. Die katalytischen Reaktionen umfassen Esterspaltungen,
Decarboxylierung, Desaminierung und Oxidation. Es zeigt sich jedoch, daß
die Umsatzraten im Vergleich zu technischen oder biologischen Katalysatoren
äußerst bescheiden sind und keine Spezifität für bestimmte
Moleküle oder Reaktionen zeigen, wie dies für Enzyme typisch ist.
Viele der beschriebenen Effekte kann man z.B. auch durch Verunreinigungen
mit Metallionen erzielen. Den Proteinoiden kommt in der aktuellen Diskussion
um die Bedingungen für die Entstehung des Lebens kaum noch Bedeutung
zu."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 141)
Tatsächlich wurden bis heute Proteinoide mit
Transaminase-, ATPase-, Peroxidase- und Katalase-Aktivitäten entdeckt.
Darüberhinaus kennt man thermische Proteinoide, die unter dem Einfluß
von ATP Oligonucleotide des Adenins aufbauen (!) (vgl. KÄMPFE,
1992). Proteinoidartige Mikrosphären können also als
matrizenfreie Synthetasen fungieren.
Alle Funktionsproteinoide zeigten zudem enzymartige
Kinetiken und bildeten Enzym-Substrat-Komplexe. Sie sind daher als
Protoenzyme aufzufassen und in ihrer katalytischen Wirkung
nicht mit Metallionen vergleichbar! Die Aktivitäten sind
zwar im Vergleich zu biogenen Enzymen recht bescheiden und liegen um den
Faktor 100 bis 108 niedriger. Dies entspricht aber immer noch
einer Beschleunigung der Reaktionsgeschwindigkeit um den Faktor 100 bis
1012 gegenüber der unkatalysierten Umsetzung (Zahlen in Anlehnung
an KÄMPFE und BAYER, WALTER).
Da zu Beginn der Evolution des Lebens schnellere
Konkurrenten noch fehlten, dürften sie im Gegensatz zur Behauptung der
Autoren eben doch eine ganz wesentliche Rolle als "Biokatalysatoren" im
wörtlichen Sinne gespielt haben.
"(...)die verantwortlichen Moleküle (Proteinoide)
sind Protoenzyme, wenn auch ihre Aktivität viel niedriger ist als bei
biotischen Enzymen. Dennoch dürften solche Protoenzyme bei der Evolution
zum Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, da je 'schnellere Konkurrenten'
noch fehlten."
(KÄMPFE, 1991, S. 198)
Ein weiterer Fehler liegt in der Behauptung, die Entstehung von
Nucleinsäuren und Oligopeptiden aus einzelnen Nucleotidbasen, ja die
Bildung der Nucleotidbasen überhaupt, sei bislang empirisch nicht belegt
worden:
"Wie oben gezeigt, ist die Entstehung der für
die Bildung von RNS- und DNS-Molekülen notwendigen Nukleotide also unter
Ursuppenbedingungen bislang experimentell nicht nachvollzogen
worden."
(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 144)
Entgegen dieser Einschätzung hatten ORO und Mitarbeiter gezeigt, daß
dAMP und TMP unter dem Einfluß von Histidin oder Polyornithin zur Bildung
von Oligonucleotiden führt. Alle Edukte wurden in Simulationsexperimenten
bereits nachgewiesen. Die Tatsache, daß Mikrosphären thermischer
Proteinoide durch die Einwirkung von ATP Oligonucleotide des Adenins aufbauen,
stellt einen sehr bemerkenswerten Umstand dar. Ebenso ist die matrizenfreie
Synthese durch spezifische Enzyme (z. B. Qß-Replikase) bekannt.
Oligonucleotide lassen sich aber auch durch Erwärmung trockener Nucleotide
mit Polyphosphat auf 65 °C oder aber auch aus wässriger Lösung
aus den aktiven Bausteinen in Gegenwart von Carbodiimid oder aus unaktivierten
Bausteinen auf katalyt. Oberflächen aufbauen. Bislang lassen sich zwar
keine effizienten Synthesewege zur Entstehung von Oligo- und Polynucleotiden
beschreiben. Tatsächlich wurde aber nur ein geringer Teil der
möglichen Reaktionswege analysiert.
Zweite, völlig neu bearbeitete Fassung, (c) 12.02.2002
Last
update:
12.02.02
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